“Sehr gefährlich, der Einsturz droht”

Es muss ein verzweifelter Hilferuf gewesen sein. Dennoch dauert es drei Monate, bis jemand darauf reagiert. Endlich machen sich Martin Weißkirchner aus Sitzendorf und Lorenz Kühler aus Haugsdorf auf den Weg nach Schöngrabern, um Pfarrer Andreas Wurst zu helfen. Es ist der 5. Juni 1784. Die beiden Maurermeister Kühler und Weißkirchner kommen, um die Kirche zu begutachten, nachdem der Pfarrer im März einen Brief an den Patronatsherren geschrieben hat. Der Pfarrer fürchtet, dass das Gewölbe bald einstürzen könnte. Die Experten untersuchen Mauerwerk und Decke. Der Bericht, den sie schreiben, wird den Pfarrer nicht beruhigen. Es ist Gefahr im Verzug.

Die romanische Kirche von Schöngrabern ist mit ihren biblischen Steinskulpturen an der Außenwand einzigartig in Europa. Der Dom der deutschen Stadt Worms und die Regensburger St. Jakobs Kirche ähneln dem Schöngraberner Gotteshaus noch am ehesten.

Kirchenvergleich
Schöngraberner Kirche (l.), Wormser Dom (m.), St. Jakob in Regensburg (r.). Quelle: Wikimedia/Welleschik/Thum/Bartz

Genaue Aufzeichnungen über die Erbauung gibt es nicht mehr. Der Kunsthistoriker Rupert Feuchtmüller, der sich ausführlich mit dem Gebäude auseinandergesetzt hat, vermutet seine Entstehung um das Jahr 1200. Die hohe Anzahl an Steinmetzzeichen im Mauerwerk lässt darauf schließen, dass ein großer Bautrupp nach Schöngrabern (damals noch Grawarn) gekommen war und die Kirche in einer Zeit von fünf bis zehn Jahren hochgezogen hatte. Der Sandstein wurde im wenige Kilometer entfernten Steinbruch Petersberg zwischen Obersteinabrunn und Grund abgetragen, der zumindest noch bis ins 18. Jahrhundert verwendet wurde.

Die Maurer im Hochmittelalter, die die Kirche in Schöngrabern errichtet hatten, stellten aber keinen perfekten Bau auf diesen Hügel an der Handelsroute zwischen Wien und Mähren. Immer wieder mussten die Mauern abgesichert werden. Die Reparaturen während der Jahrhunderte waren nur provisorisch und so fällt der Bericht, den Martin Weißkirchner und Lorenz Köhler an diesem 5. Juni 1784 schreiben, äußerst unangenehm aus.

“Die Endes Unterschriebenen bezeugen hiermit, dass das Gewölbe der Pfarrkirche zu Schöngrabern aus lauter schweren Steinen besteht. Wegen ihrer Schwere und weil sich die Seitenmauer gesetzt hat und die schon vor vielen Jahren angebrachten Schließen nichts mehr nützen, werden neue anzubringen sein, ohne Gefahr nicht stehen bleiben können. Daher wir der Meinung sind, dass besagtes Gewölbe ohne langen Aufschub abgenommen und indes die Kirche zur Not mit Läden belegt werden solle, bis nötige Veranstaltung zu weiteren Bau kann gesetzt werden. Martin Weißkirchener, Maurermeister in Sitzendorf, Lorenz Köhler, Maurermeister in Haugsdorf.”
[HHStA Guntersdorf K 123, zitiert in: Wolf (1995), S. 126, (Rechtschreibung aktualisiert)]

Dem Schöngraberner Pfarrer bleibt nun zu hoffen, dass der Schutzherr der Pfarre bald reagiert und die dringend notwendigen Arbeiten finanzieren wird. Doch er hofft vergebens. Die Gottesdienste bleiben weiter ein Sicherheitsrisiko.

Das wundersame Bründl

Über die Gründe für die Zurückhaltung kann nur spekuliert werden. Die Kirche war erst vor rund 20 Jahren renoviert worden. Allerdings hatten sich die Schöngraberner die letzten Jahrzehnte viel mehr um den Bau einer zweiten Kirche beim sogenannten Maria-Bründl gekümmert und die alte Kirche vernachlässigt. Die neue Bründl-Kirche liegt im, rund 1,5 Kilometer vom Zentrum entfernten, Ortsteil Bärenthal (heute Lerchenfeld) an der Poststraße. Zahlreiche Wallfahrer waren über die Jahre zur Bründl-Quelle im Bärenthal gepilgert – in der Hoffnung auf ein Wunder. So hatte man sich entschlossen, statt der dortigen Kapelle eine richtige Kirche im barocken Stil hinzustellen. Sogar Kaiserin Maria Theresia hatte ein mit Silber besticktes Messgewand und vermutlich auch Geld für den Bau gespendet. Insgesamt wurden für die Bründl-Kirche rund eine Million Ziegel vermauert und 36.848 Gulden ausgegeben. Dieser Betrag entspräche nach einer vorsichtigen Schätzung heute 2 bis 6 Millionen Euro.* Doch die jahrzehntelange Arbeit und die immensen Kosten verpuffen mit einem Federstrich des neuen Machthabers von Österreich. Maria Theresias Sohn Joseph II. ordnet strenge Sparmaßnahmen in seinem Reich an. Dazu zählt eine Reform des Kirchenwesens und diese hat – grob gesagt – zur Folge: Gemeinden ohne Kirche bekommen eine; Gemeinden mit zu vielen Kirchen verlieren eine. Die neue Bründl-Kirche von Schöngrabern ist eine zu viel und fällt somit einer josephinischen Kirchensperrung zum Opfer. Die Pfarre Schöngrabern hat ab dem Jahr 1783 also eine einsturzgefährdete und eine neue, aber ungeweihte und gesperrte Kirche.

Karte Schöngrabern 1873
Karte von Schöngrabern im Jahr 1873. Quelle: Graberner GeschichteN

Im Mai 1785 folgt der nächste Hilferuf – ohne Erfolg. Wieder geht ein Jahr durchs Land. Im März 1786 spitzt sich die Lage weiter zu. Ein Baumeister aus Retz schreibt in seinem Gutachten, dass die Mauer große Risse aufweise und beim Gewölbe “sehr gefährlich der Einsturz droht.”** Mit provisorischen Maßnahmen werden die Mäuer mehr schlecht als recht zusammengehalten. Jederzeit könnten die Steinmassen von der Decke aus zehn Metern Höhe auf die Gläubigen herunter stürzen. Der Patronatsherr in Wien, der die Schirmherrschaft über die Pfarre trägt, wird nun weiter unter Druck gesetzt. Nach einem Brief des Dechants kommt endlich Bewegung in die Angelegenheit. Die Bänke, Altäre und die Orgel werden ausgeräumt und die Maurer schlagen das Gewölbe ein. Behelfsmäßig wird das Dach mit Brettern überdeckt. Nun steht die Kirche ohne Dach da, kann aber zumindest nicht mehr einstürzen. Wie es weitergehen soll, ist aber noch immer nicht geklärt. Es fehlt an Geld. Immerhin darf die neue Bründl-Kirche vorübergehend als Ersatz genutzt werden.

Wer zahlt, schafft an

1787 ist von zähen Verhandlungen geprägt. Gutachten werden erstellt und verworfen. Der Wiener Patronatsherr will nicht zahlen. Die Schöngraberner beschweren sich bei der Landesregierung und beim Erzbischof über ihn. Dem Patronatsherren wird mit Strafe gedroht und die Regierung beschließt, dass die Arbeiten nicht aus seinem, sondern aus Kirchenvermögen bezahlt werden müssen. Schließlich willigt er ein.

Schöngrabener Kirche heute
Schöngrabener Kirche heute. Quelle: Wikimedia/Bwag

Es dauert bis zum August 1788 bis endlich wieder die Maurer am Werk sind. An Denkmalschutz wird aber kein Gedanke verschwendet. Ursprünglich sollten sogar beide Seitenmauern des Kirchenschiffs abgetragen werden. Man entscheidet sich für eine billigere Variante: Neues Gewölbe, neuer Turm und Vergrößerung. Der Barockstil dominiert die Zeit und so werden viele romanische Elemente mit Mörtel verputzt. Die Kunsthistoriker, die sich mit Schöngrabern auseinandergesetzt haben, befürchten auch, dass ein prächtiges Hauptportal im Zuge der Bauarbeiten verloren gegangen ist. Bis heute ist der Zubau während der Barockzeit deutlich zu erkennen.

Zur gleichen Zeit wird die Bründl-Kirche im Bärenthal abgerissen. Das Interieur wird verkauft und das Baumaterial wird recycelt. Auch für die Renovierungsarbeiten der Pfarrkirche werden Ziegel vom Bründl verwendet. 1790 sind die Arbeiten endlich abgeschlossen. 4.310 Gulden*** kostet der Umbau. Die Kosten werden aus Vermögen der Pfarre gedeckt. Die Schöngraberner und Windpassinger (seit 1760 Teil der Pfarre) können nun endlich wieder den Gottesdienst feiern, ohne Angst zu haben, dass ihnen die Decke auf den Kopf fällt.

* Laut der Website habsburger.net, die von der Schloss Schönbrunn Gmbh. betrieben wird, bekam man Mitte des 18. Jahrhunderts für einen Gulden 6 Kilogramm Rindfleisch am Markt. 1 kg Rindfleisch würde heute [2018] rund 10-30 Euro kosten – je nach Qualitätsstufe. 1 Gulden entspräche demnach 60-180 Euro.

** HHStA Guntersdorf K 123, zitiert in: Wolf (1995), S. 127, [Rechtschreibung aktualisiert]

*** Ein Betrag zwischen 300.000 und 700.000 Euro – nach gleicher Formel wie oben.

Weitere Informationen

Quellen

  • Österreichisches Bundesdenkmalamt
  • Feuchtmüller, Rupert (1962): Die Steinerne Bibel. Die romanische Kirche von Schöngrabern. Verlagsanstalt Lentia. Wien, Linz, München.
  • Reinalter, Helmut (2011): Joseph II. Reformer auf dem Kaiserthron. Verlag C.H.Beck, München.
  • Schöngrabern – Pfarrkirche Unsere Liebe Frau. Gedächtnis des Landes. Museum Niederösterreich. Hier online [abgerufen am 19.4.2018]
  • Seher, Franz (1949): Ortsgeschichte der Marktgemeinde Schöngrabern in alter und neuer Zeit. Manuskript/Transkription. o.V., Schöngrabern.
  • Wolf, Franz (1995): Schöngrabern im Wandel der Zeiten. Eigenverlag, Schöngrabern.