Vertreibung der jüdischen Graberner

Die Tage vom 22. bis zum 27. September 1938 gehören zu den dunkelsten Kapiteln in der Geschichte der Gemeinde Grabern und des Bezirks Hollabrunn. Die Ausbeutung und Vertreibung der Hollabrunner Juden erreicht ihren traurigen Höhepunkt. Auch Schöngrabern und Ober-Steinabrunn sind betroffen.

Grete Meyer
Grete Meyer (Jg. 1900) in den 1930er Jahren.

In Schöngrabern lebt die jüdische Familie Meyer – Mutter Berta mit ihren Töchtern Elsa und Grete. In Ober-Steinabrunn leben das Ehepaar Heinrich und Marianne Meyer sowie Heinrichs Eltern David und Katharina Meyer, ebenfalls jüdischer Abstammung. Beide Familien betreiben in ihrem Ort eine Gemischtwarenhandlung.

Am 22. September 1938 wird Berta Meyer gezwungen, dem Hollabrunner Kreiswirtschaftsberater Franz Reisinger eine Vollmacht auszustellen. Reisinger wurde von den Nationalsozialisten eingesetzt, um allen jüdischen Besitz im Kreis Hollabrunn zu arisieren. Heinrich Meyer geht es genauso wie Berta Meyer. Das gleiche Schicksal trifft zu diesem Datum alle jüdischen Bürger aus dem Kreis Hollabrunn, die ihre Liegenschaften noch nicht verkauft hatten. Der Kreiswirtschaftsberater kann ab diesem Zeitpunkt frei über den Besitz der jüdischen Bürger verfügen.

Die Hollabrunner Zeitzeugin Franziska Schwarz berichtet:

“Die letzten 14 Tage in Hollabrunn hatten wir Ausgehverbot. Wir durften nur in der Früh, zwischen sechs und acht Uhr, auf die Straße. Und dann ist der Befehl gekommen. Es war am 24. September 1938. Wir wurden mitten in der Nacht geweckt. Man sagte uns, dass wir um acht in der Früh auf der Kreisleitung sein müssten und unterschreiben, Hollabrunn binnen 48 Stunden zu verlassen. Als alle weg waren, wurde die weiße Fahne gehisst, was bedeutet: Hollabrunn ist judenfrei.” [Gollonitsch 1990, S. 24]

Der Ober-Steinabrunner Heinrich Meyer berichtet in einer Beilage seiner Vermögensanmeldung selbst über die Geschehnisse in diesen Tagen:

“Am 24. September 1938 musste ich über behördlichen Auftrag Ober-Steinabrunn innerhalb 48 Stunden verlassen. Ich übergab dem Leiter des Handelsgremiums Hollabrunn [Anm. Kreiswirtschaftsberater Franz Reisinger] die Vollmacht zum Verkauf des Wohn- u. Geschäftshauses in Ober-Steinabrunn Nr. 82 und ist mir nicht bekannt, ob ein Verkauf desselben schon stattgefunden hat. Weiters war es mir innerhalb der mir zur Verfügung gestandenen Frist von 48 Stunden nicht möglich, mein Warenlager zum vollen Preise abzusetzen und habe ich hiefür RM 1.000 eingenommen.” [NÖLA, RStH, Sd IVd-8, Vermögensanmeldung Heinrich Meyer; dem Akt beigelegt: Schreiben an die Vermögensverkehrsstelle vom 9. Dezember 1938]

Karl Rohringer erinnert sich an die Zeit des Anschlusses Österreichs an Nazi-Deutschland:

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Vertrieben, geflüchtet, ermordet

Zwischen 24. bis 27. September 1938 werden die Familien Meyer gezwungen Schöngrabern und Ober-Steinabrunn verlassen. Berta und ihre Töchter Grete und Elsa ziehen nach Wien in die Sonnenfelsgasse 11/6. Elsa bleibt dort wohnen. Mutter Berta zieht später in die Rotenturmstraße 22/11. Berta Meyer und ihre Töchter dürften schon zwischen März und September 1938 nach Wien gefahren sein, um sich nach einer neuen Unterkunft umzusehen. Heinrich und Marianne sowie Heinrichs Eltern David und Katharina ziehen alle in die Untere Augartenstraße 21/III/27, Wien II. Heinrich wird wie Berta enteignet, allerdings erhält er für sein Haus samt Geschäftslokal keine Gegenleistung. Zuvor wird jeweils die Fassade ihres Geschäftslokales beschmiert.

Berta und Elsa Meyer sowie Katharina Meyer werden in den Konzentrationslagern der Nazis ermordet. David Meyer stirbt während des Krieges in Wien. Grete Meyer kann sich 1939 nach Großbritannien retten. Heinrich und Marianne gelingt 1939 die Flucht in die USA.

Quellen

  • Bezemek, Ernst (2007): Spurensuche: Politik und Gesellschaft in Hollabrunn in der Ersten und Zweiten Republik. In: Bezemek, Ernst; Ecker, Friedrich (Hrsg.) (2007): Hollabrunn. Das Werden einer Bezirksstadt. Verlag Berger, Horn/Wien. S. 47-108
  • Gollonitsch, Ulrike (1990): Als wär’ nichts geschehen. Die jüdische Gemeinde Hollabrunn. Wien.
  • NÖ Landesarchiv, RStH, Sd IVd-8, VA Heinrich Meyer vom 14. Juli 1938
  • NÖ Landesarchiv, NÖLReg, L.A. IX/5, 674/1949
  • NÖ Landesarchiv, NÖLReg, L.A. IX/5, 222/1951
  • Online-Datenbank Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands
  • Online-Datenbank der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, Friedhofsdatenbank
  • Online-Datenbank Yad Vashem, Deportationslisten KZ Theresienstadt, KZ Treblinka, KZ Auschwitz
  • Österreichisches Staatsarchiv, AdR/E-uReang/HF/NHF/GZ 9.067
  • Österreichisches Staatsarchiv, AdR/E-uReang/HF/AGF/GZ 10.098
  • Österreichisches Staatsarchiv, AdR/E-uReang/FLD/GZ 15.381