Eine Watsch’n an der Grenze

Am 15. August 1652 verlassen zwei Gruppen von Männern mit einigen jugendlichen Burschen ihre jeweiligen Ortschaften und wandern über die Äcker. Eine Gruppe ist aus Schöngrabern, die andere aus der benachbarten Ortschaft Suttenbrunn. Heute ist Morib’schau.

Die Männergruppen treffen sich an der Grenze der Ortsfreiheit zwischen Suttenbrunn und Schöngrabern. Es werden dreizehn Grenzsteine gesetzt. Die Burschen im Alter zwischen 12 und 14 Jahren sind nicht ohne Grund bei diesem Ereignis dabei. Sie sind die Zeugen dieser Grenzziehung. Damit sie auch nach Jahrzehnten noch wissen, wo die Gemeindegrenzen verlaufen, werden sie von den Männern herumgestoßen und kassieren einige Ohrfeigen. Sie sollen auf keinen Fall vergessen, wo die Grenze verläuft. Die Erinnerung wird den Burschen sozusagen eingebläut. Die Grenzbegehung wird am Abend im Gasthaus oder im Haus des Ortsrichters (heute Bürgermeister) mit einer ordentlichen Mahlzeit und ausreichend Wein abgeschlossen.

Scan des Originaldokuments von Franz Seher

Grenzbegehungen dieser Art sind seit Jahrhunderten geübte Praxis in ganz Europa. Im 16. und 17. Jahrhundert dienten die Grenzumgänge, um lokales Wissen über diese Grenze zu sichern und den nachwachsenden Generationen zu überliefern.

Die Geschichte der Morib’schau (Grenzbeschauung) stammt aus einer Chronik von Franz Seher. Er war von 1922 bis 1945 Schuldirektor in Schöngrabern. Wie aus unseren Graberner GeschichteN hervorgeht, haben ihn seine Schülerinnen und Schüler als strengen Lehrer, der auch manchmal brutal wurde, in Erinnerung. Unabhängig von seinen Erziehungsmethoden hat Seher mit großer Hingabe eine 64-seitige Chronik über Schöngrabern zusammengestellt. Er spannt mit den Themen Geologie, Geographie, Statistik, Meteorologie und Geschichte einen weiten Bogen. Das Werk wurde im Jahr 1949 fertiggestellt und 1981 von Sehers Tochter der Gemeinde Grabern zur Verfügung gestellt.

Seher führt für seine Recherchen nur selten direkte Quellen an. Viele Informationen decken sich allerdings mit den Daten im Buch von Altbürgermeister Franz Wolf “Schöngrabern im Wandel der Zeiten” (1995, Eigenverlag). Die dünne Quellenlage wäre für etwaige wissenschaftliche Weiterverwendung der Chronik zu berücksichtigen.

Wir stellen die Chronik in Originalversion und Transkript zum Download zur Verfügung.

Quellen

  • Landwehr, Achim (2006): Der Raum als “genähte Einheit”: Venezianische Grenzen im 18. Jahrhundert. In: Behrisch, Lars (Hg.) (2006): Vermessen, Zählen, Berechnen. Die politische Ordnung im 18. Jahrhundert. Campus Verlag, Frankfurt/Main. S.63
  • Seher, Franz (1949): Ortsgeschichte der Marktgemeinde Schöngrabern in alter und neuer Zeit. Manuskript. o.V., Schöngrabern. S.15
  • Wolf, Franz (1995): Schöngrabern im Wandel der Zeiten. Eigenverlag, Schöngrabern.